Von Gott und Microsoft berufen oder Was ist ein Evangelist?

Man stolpert ja immer mal wieder über die Selbstbeschreibung „Web Evangelist“ und ähnliches, sei es bei Twitter, in Blogs oder Büchern. Mein erster Gedanke war „Cool.“ Mein zweiter Gedanke war „Hm. Bedenkliche Nähe zu Religiosität.“ Nun ist die Bezeichnung Evangelist nicht ganz neu, verbreitet sich aber dank Twitter rasend schnell. Ein Twitter-Profil besteht ja nur aus Bild, Website und Selbstbeschreibung. Eitel wie der Mensch ist, scheint ein simpler „Experte“ nicht zu genügen. Das muss schon höheres her.

Natürlich ist es legitim, Ausdrücke und Phrasen anderen Lebensbereichen oder Sprachen zu entlehnen und umzudeuten. Häufig geschieht das ja in Zusammenhang mit neuen Technologien, Innovationen usw. die noch ein eigenes Vokabular entwickeln müssen. Naheliegend, dass auf Worte zurückgegriffen wird, die semiotisch bereits belegt sind.

Evangelisten sind zunächst Verkünder einer Heilslehre. Mir ist es hauptsächlich ein Begriff für missionarische Prediger. Aber darf man sich selbst als Evangelist bezeichnen? Klar, wenn man sich berufen fühlt, dann schon. Im englischen, v.a. us-amerikanischen Raum ist die weiter gehende Bezeichnung „technology evangelist“ durchaus gebräuchlich, mitunter sogar als Berufsbezeichnung, z.B. bei Microsoft oder Apple. Aber was genau tut ein solcher Evangelist? Er will Unterstützung für eine Technologie erzeugen und ist als Begeisterungsträger zu sehen. Er ist kein unabhängiger Berater!

Klappern gehört zum Handwerk, die eigenen Leistungen muss man gerade als Freelancer und Berater deutlich machen. Wenn man sich nun aber als Evangelist bezeichnet, bedeutet das für mich, dass der Nutzen des Webs nicht hinterfragt, sondern als gegeben hingenommen wird. In erster Linie geht es aber eben nicht um die Technologie, sondern um die Inhalte. Und ist nicht vielmehr ein gewisser kritischer Abstand notwendig,  um Tools und Gadgets im Rahmen einer Strategie sinnvoll einzusetzen?

Gut vorstellbar, dass der Begriff Eingang in den Sprachschatz findet, einfach weil es eine ausreichend große Masse gibt, die ihn verwendet. Vielleicht bleibt es aber auch nur eine Vokabel der Online-Gemeinde, die den Sprung ins richtige Leben nicht schafft.

Nett hierzu und viel böser ist der Beitrag beim B2BTexter.