Life Stream

Lifestream

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Eine erdrückende Pluralität der Meinungen. Dummerweise fehlt der Kompass auf dem großen Meinungsmeer. Weil wir alle irgendwie darin schwimmen, können wir die Größe und die Ufer nicht sehen und beschäftigen uns daher mit dem, was wir erfassen können: Unsere nächste Umgebung. Wir wissen bestens Bescheid über die neuesten Tools, Gerüchte und Fehltritte. Wir können alle ziemlich genau sagen, was nicht funktioniert. Zu sagen, was im Internet funktioniert, ist nach wie vor ein Spiel mit der Glaskugel. Es fehlt der Kapitän, der uns sagt, wo es lang gehen soll. Keep reading →

Lists killed the Twitter star

Die Kernbotschaft ist klar. Einfachheit:

simplicity

Davon entfernt sich Twitter gerade, wie ich fürchte. Ich sehe die Einführung der Listen ein bisschen als den Anfang vom Ende. Für mich liegt die Faszination von Twitter zum großen Teil in der Einfachheit begründet. Anmelden und folgen. So einfach war es bisher.

Langsam wird es aber kompliziert. Richte ich mir Listen ein oder nicht? Wer kommt auf die Listen? Fühlt sich jemand auf den Schlips getreten, der nicht auf den entsprechenden Listen auftaucht? Warum braucht man Listen? Um die 1000 Followees zu sortieren, denen man folgt? Da beißt sich die Katze irgendwie in den Schwanz.

Ich fürchte, Twitter gerät ähnlich wie StudizVZ und Facebook in den Strudel des Feature-Overkill. Bestehenden Nutzern will man noch mehr Features bieten, weil die Fokusgruppen das mal so gesagt haben. Aber schreckt man damit nicht gleichzeitig neue Nutzer ab? Geht das Ganze nicht irgendwann zu sehr zu Lasten der Usability frei nach dem Motto „Profil individualisieren bis zum Abwinken“?

Von Gott und Microsoft berufen oder Was ist ein Evangelist?

Man stolpert ja immer mal wieder über die Selbstbeschreibung „Web Evangelist“ und ähnliches, sei es bei Twitter, in Blogs oder Büchern. Mein erster Gedanke war „Cool.“ Mein zweiter Gedanke war „Hm. Bedenkliche Nähe zu Religiosität.“ Nun ist die Bezeichnung Evangelist nicht ganz neu, verbreitet sich aber dank Twitter rasend schnell. Ein Twitter-Profil besteht ja nur aus Bild, Website und Selbstbeschreibung. Eitel wie der Mensch ist, scheint ein simpler „Experte“ nicht zu genügen. Das muss schon höheres her.

Natürlich ist es legitim, Ausdrücke und Phrasen anderen Lebensbereichen oder Sprachen zu entlehnen und umzudeuten. Häufig geschieht das ja in Zusammenhang mit neuen Technologien, Innovationen usw. die noch ein eigenes Vokabular entwickeln müssen. Naheliegend, dass auf Worte zurückgegriffen wird, die semiotisch bereits belegt sind.

Evangelisten sind zunächst Verkünder einer Heilslehre. Mir ist es hauptsächlich ein Begriff für missionarische Prediger. Aber darf man sich selbst als Evangelist bezeichnen? Klar, wenn man sich berufen fühlt, dann schon. Im englischen, v.a. us-amerikanischen Raum ist die weiter gehende Bezeichnung „technology evangelist“ durchaus gebräuchlich, mitunter sogar als Berufsbezeichnung, z.B. bei Microsoft oder Apple. Aber was genau tut ein solcher Evangelist? Er will Unterstützung für eine Technologie erzeugen und ist als Begeisterungsträger zu sehen. Er ist kein unabhängiger Berater!

Klappern gehört zum Handwerk, die eigenen Leistungen muss man gerade als Freelancer und Berater deutlich machen. Wenn man sich nun aber als Evangelist bezeichnet, bedeutet das für mich, dass der Nutzen des Webs nicht hinterfragt, sondern als gegeben hingenommen wird. In erster Linie geht es aber eben nicht um die Technologie, sondern um die Inhalte. Und ist nicht vielmehr ein gewisser kritischer Abstand notwendig,  um Tools und Gadgets im Rahmen einer Strategie sinnvoll einzusetzen?

Gut vorstellbar, dass der Begriff Eingang in den Sprachschatz findet, einfach weil es eine ausreichend große Masse gibt, die ihn verwendet. Vielleicht bleibt es aber auch nur eine Vokabel der Online-Gemeinde, die den Sprung ins richtige Leben nicht schafft.

Nett hierzu und viel böser ist der Beitrag beim B2BTexter.