Life Stream

Lifestream

complize / photocase.com

Eine erdrückende Pluralität der Meinungen. Dummerweise fehlt der Kompass auf dem großen Meinungsmeer. Weil wir alle irgendwie darin schwimmen, können wir die Größe und die Ufer nicht sehen und beschäftigen uns daher mit dem, was wir erfassen können: Unsere nächste Umgebung. Wir wissen bestens Bescheid über die neuesten Tools, Gerüchte und Fehltritte. Wir können alle ziemlich genau sagen, was nicht funktioniert. Zu sagen, was im Internet funktioniert, ist nach wie vor ein Spiel mit der Glaskugel. Es fehlt der Kapitän, der uns sagt, wo es lang gehen soll.

Wir sind süchtig nach dem Neuen. Alle warten auf das nächste große Ding. Lustvoll stürzt sich die Webgemeinde auf jeden neuen Trend in dem Glauben, dass sie jetzt endlich da ist, die Zukunft, denn gleichzeitig suchen wir nach Orientierung und Konstanten. Es ist auch ein beständiges Ringen um Deutungshoheit, was Modelle und Theorien zur Kommunikation im Internet angeht. Wir Deutschen sind da wohl auch sehr kritisch.

Vorgestern waren es Blogs, gestern Twitter und heute sind es location-based Dienste und das iPad. Jedes Mal kommt eine neue Konstante dazu und das Land namens Internet erhält ein Detail mehr auf der Karte. Eine dieser Konstanten ist übrigens die Marke Apple, die fest zum Web2.0-Kanon gehört, auf der Karte mindestens eine Großstadt.

Wir wollen gerne das große Ganze sehen und trotzdem nicht auf die Details verzichten. Ein Gedankenansatz dazu ist der – zugegeben nicht neue aber immer noch aktuelle – LifeStream von David Gelernter und Eric Freeman. Die Grundidee ist ein persönlicher Informationsstream, in dem alle Daten zusammenfließen, die einen Bezug zur Person haben – in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Das wären z.B. die Hausarbeiten aus der Schule bis hin zum Foto von der letzten Familienfeier oder den vor 2 Monaten getaggten Lesezeichen. Der Zugriff erfolgt über das Netz. Je nach Filterung werden dann z.B. nur Fotos oder Dokumente zu einem Thema angezeigt. Die praktische Umsetzung ist noch nicht so weit, aber da gibt’s bestimmt demnächst was von Apple.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wie komme ich nun eigentlich dazu? Ich suche nach den Mechanismen, die zu Entwicklungen wie Google Buzz oder Twitter führen. Offensichtlich gibt es ein großes Bedürfnis, den privaten und den öffentlichen Informationsstream zu filtern, zu verknüpfen und auch kontrolliert in beiden Sphären zu kommunizieren. „Sendestationen“ wie Twitter und Buzz gehen ja auch in diese Richtung. Je mehr Kommunikation und Daten ins Netz verlagert werden, umso einfacher wird es werden, diesen LifeStream abzubilden.

Ich stelle mir vor, dass ich in 10 Jahren nicht mehr mühevoll nach irgendeiner Meldebescheinigung suche, sondern in mein persönliches Interface ein paar Stichworte eingebe und das Scheinchen dann gleich runterladen kann.

Denn ist das nicht der Traum, den die meisten haben? Dass das Internet die Welt ein bisschen einfacher und besser macht?

3 Comments for “Life Stream”

says:

Naja, so oder so wird die Entwicklung in diese Richtung gehen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ein kleines Startup eine tolle Anwendung dazu entwickelt und ein großer Konzern sich das Startup einverleibt.

says:

Ein interessantes Phänomen könnte sich darauf für die Zukunft der menschlichen Identität ergeben. Christian Heller von carta.info beschreibt das (in einem langen, sehr lesenswerten Artikel) so:

Tatsächlich kündigen sich aber entgegengesetzte Effekte an: Die Daten-Explosion bringt die Gleichgewichte der identitären Einengung ins Wanken. Wer ständig all seine tatsächlichen Fehler, Widersprüche, Idiosynkrasien, Persönlichkeitsspaltungen und Inkonsequenzen broadcastet, der kann nicht mehr in eine kohärente Identität gezwungen werden. Wenn das Millionen tun, erodiert das zugrundeliegende Bild des Menschen und seiner Planbarkeit: Die Gesellschaft muss ihre Erwartungen neu konfigurieren.

http://carta.info/24397/die-ideologie-datenschutz/

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