Fundraising mit dem Social Web

Bei aller Schnelligkeit der Kommunikation geschieht es leider zu oft, dass die Vernunfts-Filter nicht mehr reagieren können. Man liefert sich selbst dem Druck aus, möglichst schnell relevante Informationen zu senden oder zu reproduzieren. Meist ohne Reflektion. So liefert man Sascha Lobo neue Twitter-Follower, indem man sein Verlosungsaktion verbreitet oder dem Duo B&B hübsche Kommentar- und Zugriffszahlen. Letztere aktivieren ihre Leser zumindest für einen guten Zweck.

Es ist nicht so, dass es mich nicht berührt, sondern eher, dass ich kapituliere vor der erdrückenden Anzahl der Hilfsmaßnahmen für Uwe, Helene und unzählige andere, die ich fast schon als Spam empfinde. Solche Sponti-Aktionen sind in der Regel mit einem Einzelschicksal verknüpft. Im besten Fall wird dem Schicksal geholfen und der Initiator bekommt Karma-Punkte. Im schlechteren Fall wird viel geschrieben und wenig getan. Die Beteiligten fühlen sich trotzdem gut, das schlechte soziale Gewissen ist nicht mehr so groß. Wirklichen Erfolg bringen solche Aktionen nur bei Initiatoren mit einer gewissen kritischen Masse an aktiver Leserschaft. Der Effekt beschränkt sich in der Regel auf einige Taten und viele Worten im Internet. Strohfeuer sind es dennoch.

Konstante Wärme lässt sich über professionelle Online-Fundraiser erzeugen. Von der aufgewendeten Energie und dem eingesetzten Geld wird nur ein kleiner Teil auf die Organisation verwendet. Der Großteil kommt da an, wo er hinsoll.

Da wären

  • Plattformen, die projektbezogen Spenden sammeln (z. B. Justgiving)
  • „Shoppen und spenden“-Konzepte, bei denen der Anbieter spendet (Fast jeder Konsumproduktehersteller und jedes Versandhaus hat sich schon daran versucht. Mehr oder weniger glaubwürdig. Der Klassiker ist natürlich Krombacher mit dem Regenwald).
  • NPOs selbst (Greenpeace, UNICEF etc.)
  • Mikrokredit-Plattformen (Smava und Kiva)

Fundraising ist schon längst im Internet angekommen. Die Organisationen nutzen Instrumente wie Blogs, Online-PR, Communities und Kanäle. Marken werden nicht nur ins Internet kopiert, sondern die sinnvoll um eine digitale Komponente erweitert. Die Vorteile liegen auf der Hand: Beziehungsaufbau und -pflege mit den Spendern, Dialog und die immensen Kostenvorteile (man denke nur an die Unmengen von teuren Mailings). Da gibt es schon einige feine Beispiele:

Community bilden: Die Spender werden dabei wie bei kaioo sogar in die Bestimmung des Spendenzwecks eingebunden. Die erhöhte Identifikation und Beteiligung steigert natürlich die Wahrscheinlichkeit einer wiederholten Spende und unbezahlbare Mund-zu-Mund-Propaganda.

Community nutzen: Change.org funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip. Aktionen werden ins Leben gerufen, Unterstützer gesucht und Spenden für diese Aktionen gesammelt. Change.org fungiert dabei als Plattform. Durch die Präsenz bei Facebook wird das Netzwerk dort genutzt und Weitersagen und Unterstützen in das Kommunikationsverhalten der Nutzer integriert.

Webtools einbindenÄrzte ohne Grenzen nutzt bei der Kampagne Lage: Dramatisch vorbildlich die verbreiteten Kommunikationsdienste. Ein Klick auf Weitersagen und der Link kann über Twitter&Co. verbreitet werden.

Crowdsourcing: Kiva stellt eine API zur Verfügung, die eine Anbindung externer Anwendung an Kiva erlaubt. Ideen zur Nutzung werden gleich mitgeliefert: Denkbar wäre eine iPhone-Application oder die Integrierung auf dem eigenen Blog um auf Kiva-Aktivitäten hinzuweisen. Beweist Offenheit und Kommunikationswillen.

Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr spannende Aspekte fallen mir auf. Um aber mal zum Schluss zu kommen, hier einfach noch ein paar Links zum Weiterlesen:

Menschenfischer (Fundraising Blog)

Tipps für Online Fundraising (Kulturmanagement Blog)

How the Social Web is Changing the Industry (Buzznetworker)

Über Spenden-Communites (Spiegel)

Helfen im Web (Stern)

8 Comments for “Fundraising mit dem Social Web”

Julius

says:

Liebe Verena, den Aufruf für die Hilfsaktion für Helene gedanklich in die Nähe von „Spam“ zu rücken empfinde ich leider als unpassend. Irgend etwas anderes als eine „Sponti-Aktion“ ist in diesem Fall zudem aussichtslos, da das kleine Mädchen bald sterben wird, wenn sie keine Hilfe erhält – und die wird sie erhalten.

Am Ende könnte es gar die größte Typisierungsaktion überhaupt für die DKMS werden. Die ja auch allen anderen Betroffenen zugute kommt (ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen).

Also nur um sich mit einem Trackback in Stefan Niggemeiers Blog zu sonnen war der Link nicht nötig.

Eine aktuelle Presseschau gibt es bei http://hilfe-fuer-helene.chilltimes.de/cmsmadesimple/index.php?page=pressespiegel

says:

Hallo Julius,
wie schon oben geschrieben berührt es mich auch und es sollte dir klar sein, dass es mir nur um ein aktuelles Beispiel ging. Ich denke selbst darüber nach, mich typisieren zu lassen.
Die große Anzahl solcher Anfragen per Mail, Twitter und Co. finde ich allerdings erdrückend, zumal ich dem nicht entgehen kann.
Um den Trackback ging es mir gar nicht.

says:

@Julius: bezogen auf ein konkretes Beispiel mag so ein Einwand immer zynisch klingen, aber grundsätzlich können wir doch davon ausgehen, dass immer mehr Menschen und Organisationen das Web2.0 für ihre Zwecken entdecken werden und ähnliche Kampagnen starten, oder?

BlogleserInnen werden also immer häufiger damit konfrontiert werden, aber nicht in der Lage sein, jedes Mal darauf zu reagieren. Die Frage ist daher, wie wir dann mit der immer größeren Zahl von Aktionen umgehen werden? Spam hin oder her, wie löse ich das Problem?

Ein Kriterium wird in meinen Augen die Reputation der Person sein, die die Aktion initiiert. Mir fällt im Augenblick kein anderer „Maßstab“ ein, um sonst in einer solchen Frage entscheiden zu können, welche Aktion unterstützenswert ist und welche nicht.

Julius

says:

@Verena meine Adresse gebe ich nicht so gerne raus. 😉

@Christian „grundsätzlich können wir doch davon ausgehen, dass immer mehr Menschen und Organisationen das Web2.0 für ihre Zwecken entdecken werden und ähnliche Kampagnen starten, oder?“
Das wird sogar sicher so sein, aber ich kann nichts schlechtes daran finden – solange die Aktionen authentisch sind. Bei Helene ist sie das, vgl. die schon oben verlinkte Presseschau (heute z.B. 1. Seite Hamburger Abendblatt).

„Ein Kriterium wird in meinen Augen die Reputation der Person sein, die die Aktion initiiert. Mir fällt im Augenblick kein anderer “Maßstab” ein, um sonst in einer solchen Frage entscheiden zu können, welche Aktion unterstützenswert ist und welche nicht.“
Dem stimme ich voll zu.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.